Viel ausprobiert wurde in der Pandemie. Dabei trat vieles zutage, was vorher undenkbar gewesen wäre. Ein wesentliches Merkmal: die Schule ohne Klassenzimmer. Der Ausnahmezustand zwang alle zu improvisieren: Schüler, Lehrer, Eltern. Es war oft belastend, aber mitunter auch befreiend. "Bei der Digitalisierung hat das Virus mehr bewirkt als zehn Jahre digitale Fortbildung,“ meint Herr Friedl.

Herr Friedl gehört zum Systembetreuer-Team unserer Schule. Im Distanzunterricht war er unmittelbar mit den digitalen Problemen, wie sie beim Homeschooling auftraten, konfrontiert.
Neue Formen der Stoffvermittlung habe man finden müssen, Lehrpläne seien abgespeckt worden, sagen die Bildungsforscher. Die Not habe erfinderisch gemacht. Und Herr Friedl stellt sich als Mathelehrer die Frage; „Warum nicht aus der Not eine Tugend machen und Dinge aus diesem Ausnahmejahr mitnehmen, die sich als Bereicherung erwiesen haben?“
Dass viele Schulen lieber in ihren vertrauten Unterrichtsformen verharren, als sich auf Neues einzulassen, ist ein offenes Geheimnis. Die Nürnberger-Trichter-Didaktik stammt in ihren Grundzügen aus dem 17. Jahrhundert, hat aber scheinbar viele Bildungsgenerationen später immer noch ihre Daseinsberechtigung. Auch der mit viel Aufwand betriebene Schulversuch „Kompass“ hat diesbezüglich kaum zu Veränderungen in den Schulhäusern geführt.
„Was spricht dagegen, mehr selbstständige Team- und Projektarbeit zuzulassen?“, so der Computerfachmann. Das virtuelle Klassenzimmer mag ein Provisorium gewesen sein, aufgeben müsse man es nicht. Wer in Zukunft krank oder aus anderen Gründen abwesend sei, könne dort an versäumte Arbeitsblätter, Einträge oder anderes Material kommen, statt sie von Mitschülern abzuschreiben oder mit dem Handy abzufotografieren.
In der Pandemie mussten Lehrkraft und Klasse virtuell näher zusammenrücken, weil man sich leibhaftig nicht sah. Lehrerinnen und Lehrer waren plötzlich auch nach der Schule erreichbar, per Mail, Handy oder im Chat. "Wobei viele Schüler nicht selten mit zum Teil unhöflich vorgetragenen Forderungen an die Lehrerschaft herantraten und die Pädagogen zu einem didaktisch-pädagogischen Servicepersonal degradierten, das nur noch die Aufgaben zur Verfügung stellt und Lösungen parat hat. Es wäre schade diesen Kanal einschlafen zu lassen, so der Sportlehrer. Aber ein Höflichkeitskonsens im Umgang miteinander müsse unbedingt eingehalten werden.
Andreas Schleicher, Chef der Pisa-Studie, meint zur Rolle des Lehrers: „Die Lehrkraft von heute und morgen müsse ein guter Coach sein, ein guter Mentor.“ Man müsse seine Schüler als Personen kennen, nicht nur ihr Unterrichtsfach. Bildung sei auch Beziehungsarbeit. Eine fundamentale Erkenntnis, die aber keineswegs neu ist.
Coaching ist ziel-, lösungs- und ressourcenorientierte Prozessberatung. Generelles Ziel des Coachings ist die nachhaltige Verbesserung der Selbstregulationsfähigkeit. Es ist kurz gesagt „Hilfe zur Selbsthilfe.“
Lernen, das zeigte die Pandemie einmal mehr, ist ein individueller Prozess. Manche kamen mit den Anforderungen besser zurecht, andere weniger. Zwei Milliarden Euro will die Große Koalition in ein Aufholprogramm stecken, dessen Erfolg mehr als fraglich erscheint. Zum Vergleich: Um die Lufthansa zu retten, ließ der Staat neun Milliarden springen.
Das Coronajahr war dank Homeschooling auch ein Jahr der entfallenen Exen und Schulaufgaben. Vielleicht eine große Chance um die "Prüferitis" zu hinterfragen. Vieles von dem, was Schulentwicklung ausmache, liege in der Öffnung des Leistungsbegriffs, die von den Protagonisten im Schulbetrieb als legitim und sinnvoll erachtet wird. Dialogische Prüfungen geben durch Zutrauen und Rückmeldung nachhaltigere Anerkennung als stumpfes Stoffabfragen unter Zeitdruck. In diesem Zusammenhang wurden in den letzten zwei Jahrzehnten gängige Verfahren entwickelt, die größere Aufmerksamkeit verdient hätten.
Auch Pisachef Schleicher vertritt die Meinung, es gehe längst nicht mehr nur um Wissen, das in Zeiten des Internets schnell verfügbar sei, sondern darum, mit verfügbarem Wissen kreativ Probleme zu lösen. Also um genau das, was Schüler und Lehrer während des Homeschoolings zu leisten vermochten.
„Das Pandemiejahr war ein Crashkurs in Sachen Selbständigkeit!“, so Friedl, der auch im Schulentwicklungsteam mitarbeitet. „Digitalisierung“ sei so ein Zauberwort für unaufhaltsamen Wandel, mit dem eine klare Botschaft verbunden ist: Wer ihm nicht folgen will, droht sich selbst ins Abseits zu stellen und den Kindern die Zukunft zu verbauen. Was kommt, ist unvermeidbar und man hat nur die Wahl, mitzugestalten oder sich überrollen zu lassen. Die Drohkulisse ist sehr schnell aufgebaut worden, „die „Digitalisierung“ der Bildung war bis vor Kurzem noch gar kein öffentliches Thema und scheint nunmehr dringlicher zu sein als alles andere,“ so Friedl.
Die Diskussion zum Thema hat verschiedene Aspekte, die bildungspolitisch derzeit im Fokus stehen und auch das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit gefunden haben. Folgende Argumente oder Einschätzungen werden in diesem Zusammenhang am häufigsten genannt:
Die Digitalisierung des Lebens wird vor der Schule nicht halt machen.
Die Grundordnung des Lehrens im Klassenzimmer wird sich schnell und radikal verändern.
Selbstorganisiertes Lernen hebt den Klassenunterricht auf.
Schulisches Lernen wird unabhängig vom Lernort Schule.
Die Rolle des Lehrers wird sich zum Lernbegleiter wandeln.
Man darf gespannt sein, wie sich Bildung einmal gestalten wird. Über kaum ein Thema wird so viel und so leidenschaftlich diskutiert wie über Bildung. Sie verspricht dem Einzelnen sozialen Aufstieg und wird als Universallösung für zentrale gesellschaftliche Herausforderungen der Gegenwart beschworen. Sei es die Krise der Demokratie, die Integration von Geflüchteten, die Digitalisierung, der demografische Wandel, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich oder der Klimawandel. Stets wird ein großes Spektrum von Erwartungen und Forderungen an das Bildungssystem herantragen.

Friedl A./ J. Vesper

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