Bereits zum zweiten Mal war Thomas Lukow kürzlich mit einem Vortrag zur DDR-Geschichte zu Gast in unserer Schulel. Diesmal beschäftigte sich der wortgewandte Zeitzeuge mit der Kindheit und Jugend im früheren Arbeiter- und Bauernstaat. Er nahm die jugendlichen Zuhörer mit auf eine Reise in seine eigene Vergangenheit als Heranwachsender in einem Staat, der bereits im Kindergarten den Jüngsten seiner Mitbürger die Ideologie des Sozialismus einzuprägen suchte und das Leben jedes Einzelnen beispielloser Überwachung unterzog. 

Auch heuer war Lukow für die Hanns Seidel-Stiftung als Referent im Einsatz, hatte seine Ausführungen mit eindrucksvollem Bild- und Filmmaterial gespickt, das seine lebendigen und anschaulich unterhaltsamen Ausführungen gut ergänzte. Das Leben in der DDR sei von der Geburt bis zum Berufsleben durchgeplant gewesen, so der Zeitzeuge einer unrühmlichen Epoche deutscher Geschichte. „Von einer unbeschwerten Jugend konnte keine Rede sein.“ Frauen waren ebenso berufstätig wie die Männer. Halbtagsjobs gab es so gut wie keine. „Die Kleinkinder kamen schon mit ihrem ersten Lebensjahr in die Kinderkrippe“, so erinnert sich der Familienvater. Jedem Kind habe ein Platz in der Ganztagsbetreuung zugestanden.
Mit drei Jahren wechselten die Kinder von der Krippe in den Kindergarten. „Schon von klein auf sollten sie zu guten Sozialisten und Patrioten erzogen werden.“ Schon die ganz Kleinen lernten sich mit der SED zu identifizieren. Immer wieder sind Bilder zu sehen, die die Kinder und späteren Jugendlichen auf Großveranstaltungen in der Menschenmenge zeigen. „Dynamik entwickelt sich in der Masse, ähnlich wie beim Fußball“, so der Referent. Man wollte dabei sein, mitmachen, sich in der Gemeinschaft stark und geborgen fühlen.
Der Parteiapparat war omnipräsent
Mit Eintritt ins Schulleben wurde jeder Schüler automatisch in die Pionierorganisation Ernst Thälmann aufgenommen, einer Unterorganisation der FDJ. Auch hier war die Parteitreue vorrangiges Erziehungsziel. Bis zum 25. Lebensjahr schrieb das Jugendgesetz die Mitgliedschaft in der FDJ vor. Die Jungpioniere übernahmen unter anderem gemeinnützige Aufgaben. 1954 führte das Politbüro der SED die Jugendweihe ein. „Sie sollte Ersatzritual für kirchliche Feiern wie Kommunion und Konfirmation sein“, erinnert er sich noch gut an seine eigene Erlebnisse an diesem Festtag. Man habe sich als Konkurrenzunternehmen zur Kirche gesehen. Durch die Zeremonie seien die Jugendlichen in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen worden. Zur Feier selbst gehörte ein Festprogramm mit Musik, einer Ansprache, die Überreichung einer Urkunde sowie das Gelöbnis. „Die Jugendlichen gelobten sich für die Sache des Sozialismus einzusetzen.“ Und den Sozialismus gegen jeden imperialistischen Angriff zu verteidigen.
Thomas Lukow zeigte sich schon früh sehr kritisch und unbeugsam allen Indoktrinationsversuchen gegenüber. Und er zahlte einen hohen Preis dafür. 1959 in Potsdam geboren, verbrachte er seine Kindheit und Jugend in Ostberlin. Mit 18 Jahren trat er aus der Freien Deutschen Jugend (FDJ) aus. Ein Qualifizierungs- und Studienverbot war die Folge. Er versuchte sich mit verschiedenen Jobs über Wasser zu halten. Nach einer Musikausbildung war er in der Musik- und Kulturszene am Prenzlauer Berg aktiv, gründete die Band „Demokratischer Sturm“ mit. Zwei seiner früheren musikalischen Begleiter sind heute mit der bekannten Rockband Rammstein erfolgreich.
Spannende Einblicke in die Zeitgeschichte
Das Misstrauen der Musiker untereinander, die Machenschaften der Stasi und die Ausweglosigkeit in einem Lebensraum, der von Kontrolle, Bespitzelung und Überwachung geprägt war, Lukow gelingt es eineinhalbstunden Stunden lang durch seine authentischen und lebhaften Schilderungen seine Jugendlichen Zuhörer in den Bann zu ziehen. Zeitgeschichtliches steht an diesem Morgen für die Schüler in der Realschulaula nicht nur auf dem Stundenplan, sie kommt greifbar und spannend daher. Der Vollblutmusiker landet schließlich wegen des „Verdachts der versuchten Republikflucht im Gefängnis. In Bautzen und Hohenschönhausen sitzt er seine Strafe ab. Isolationshaft, kein Kontakt zu Angehörigen, Haftstrafen in einer Diktatur sind ein Martyrium.
„Jede Nacht musste ich um 4 Uhr raus, Elektroteile montieren“, erinnert sich Lukow an seine schmerzhaften Erfahrungen in DDR-Gefängnissen. Erst im Wendejahr 1989 erhielt er mit Ehefrau und Kindern eine Ausreisegenehmigung nach Westberlin. Mit dreißig begann für ihn ein neues Leben, ein komplett neues Lebens, das nun schon länger andauert als das alte. Und immer noch umkommt ihn ungläubiges Staunen über die neu gewonnene Freiheit. „Heute kann ich nach Bayern fahren, ohne dass an einer Grenze auf mich geschossen wird“, gibt er einen abschließenden Seufzer der Erleichterung von sich. Den Zuhörern bleibt die Hoffnung, Thomas Lukow auch im nächsten Jahr wieder in der Schule begrüßen und von ihm neue Geschichten aus seiner Vergangenheit präsentiert zu bekommen.

 

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