In der Pubertät, daran gibt es keinen Zweifel, verändert sich die Psyche der jungen Menschen in einer Weise, die für Erwachsene kaum nachvollziehbar ist - jedenfalls solange sie versuchen, die Gründe und Motive der Jugendlichen aus einer rationalen Perspektive heraus zu begreifen. In dieser Entwicklungsphase ist der junge Mensch besonders anfällig für die gesamte Spannbreite der Suchtproblematik. Darauf ging Marco Balonier, Diplom-Sozialpädagoge von der Caritas Fachambulanz in Bad Reichenhall in seinem Fachvortrag in der Aula, der vor einiger Zeit stattfand, ausführlich ein. Wenn Samuel (16) am Montagmorgen das Schulhaus betritt, hat er, wie er selbst schildert, ein „anstrengendes Wochenende“ hinter sich. Samuel ist sehr offen und gesprächsbereit, seinen Namen möchte er aber auf keinen Fall in einer Zeitung oder im Internet lesen. Deshalb bekommt der Junge einen anderen Namen. Gleich am Freitagnachmittag sei es losgegangen, so berichtet der Schüler. Wo? Ein Bauwagen in der der Nähe einer Fichtenschonung sei seit einigen Monaten der Treff der jungen Leute. Treff? „Gelage könnte man auch dazu sagen“, bringt der Junge einen Schuss Selbstironie in das Gespräch ein.
Jahrelang hatten Fachleute, Politiker und Medien „Komasaufen“ als großes Problem bei Jugendlichen ausgemacht. Will man neueren Studien Glauben schenken, ist dies gar kein Problem mehr. Teenager trinken demnach immer weniger Alkohol und fangen später damit an. In jeder Phase hat der Konsum von Suchtmitteln eine andere Funktion. Je weiter der Prozess voranschreitet, desto abhängiger werde der Konsument, so Suchtexperte Balonier.
Zuerst werde eingekauft. Denn schließlich brauche man eine ordentliche Grundlage, so Samuel, der bis vor einem Jahr noch in einem Fußballverein aktiv war. „Würstchen, Semmel, Bier, Schnaps.“ Der Bauwagen habe sogar einen eigenen Kühlschrank und einen Ofen für den Winter. Nein, Erwachsene seien hier noch nicht vorbeigekommen.
Im Kindes- oder Jugendalter kämen viele erstmals mit Rauschmitteln in Berührung, so Balonier. „Sie sehen Leute in ihrer Umgebung rauchen, am Grillabend bekommen sie ein Gläschen Radler.“ Dem Kennenlernen folge die Experimentierphase: mehr konsumieren, Grenzen austesten, die eigene Identität entwickeln. All dies spielt hier eine wichtige Rolle. Prägende Motive der Persönlichkeitsentwicklung treten in den Vordergrund: sich aufspielen, mitmachen, sich abgrenzen oder die Flucht aus dem Alltagstrott. Viele Jugendliche beenden zwar danach ihre erlernten Konsumgewohnheiten. Andere stranden in der Phase des sozialen Konsums, um etwas zu feiern, um ausgelassen oder entspannt zu sein.
Nicht selten folgt ein böses Erwachen
Sozialer Konsum kann sich über den „Gewohnheitskonsum" zu problematischem Konsum ausweiten. Eine bestimmte Gewohnheit kann zu häufigerem Gebrauch eines Suchtmittels führen. Allmählich entsteht die Erfahrung, dass Alkohol oder Cannabis „hilft", sich entspannter zu fühlen. Das Motiv zu konsumieren verschiebt sich unmerklich - und die Kontrolle über den Konsum oder das entsprechende Verhalten verschwindet. Das gilt für den Alkohol genauso wie für das Rauchen oder das Zocken am Smartphone. In diesem Stadium können Probleme mit der Schule, der Arbeit, in Beziehungen und mit der Gesundheit entstehen.
Sich die Kante geben, sich volllaufen lassen, einen hinter die Binde kippen … im deutschen Sprachgebrauch finden sich zahlreiche Umschreibungen für maßlosen Alkoholkonsum. Was zuerst nur lustig klingt, kann langfristig zu negativen Konsequenzen führen. Denn übermäßiges Trinken kann die Gehirnentwicklung von Jugendlichen empfindlich stören. Und die ist keineswegs in der Kindheit abgeschlossen, sondern dauert etwa bis etwa zum 25. Lebensjahr an.
„Nur etwa ein Drittel der Eltern ist über das Trinkverhalten ihres Kindes im Bilde“, so Balonier. Wichtig sei es für Erwachsene, ein offenes Ohr zu haben, den Jugendlichen mit ehrlichem Verständnis und Interesse entgegen zu treten. „Sprechen Sie mit Ihrem Kind in einem ruhigen Moment über die Folgen übermäßigen Alkoholverzehrs“, richtet er seinen Appell an die Eltern, von denen viele glaubten, dass sie kaum noch Einfluss auf Jugendliche hätten. Aber das stimme nicht, so der Suchtexperte der Caritas. „Forschungsergebnisse zeigen deutlich, dass sich der Einfluss der Eltern bis ins Erwachsenenalter fortsetzt.“ Es werde weit weniger konsumiert, wenn jungen Menschen wertschätzendes Interesse entgegengebracht wird.

Johannes Vepser

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