Im landläufigen Verständnis wird der Begriff Selbstverteidigung häufig mit dem Erlernen von Kampfsporttechniken gleichgesetzt. Dabei steckt viel mehr dahinter. An unserer Schule hatten Mädchen und Jungen auch heuer wieder die Gelegenheit Wissenswertes und Praktisches rund um die Selbstverteidigung zu erfahren.  In den unterschiedlichen Kulturkreisen sind oft Frauen und Kinder die Leidtragenden von gewalttätigen Übergriffen jedweder Art. Auch ein rechtlich festgeschriebener Verhaltenscodex garantiert noch lange nicht ihre Unversehrtheit. Nicht selten geschehen Angriffe in ganz banaler und auf den ersten Blick harmloser Art und Weise.
Es liegt nun schon einige Jahre zurück, als Regine (22) als junges Mädchen solch einer Attacke entkommen konnte. Sie hatte gemeinsam mit einer Freundin ein Volksfest im Nachbarort besucht. Als sie sich allein auf den Nachhauseweg machte, wurde sie von einem jungen Mann angesprochen, der bereits auf dem Festgelände den Kontakt zu ihr gesucht hatte. „An der Bushaltehaltestelle hat er mir aufgelauert“, so hat sie bis heute diese Begegnung nicht vergessen können. „Niemand war in Sichtweite“, so die junge Frau. „Ich wusste nicht, was ich tun sollte und schrie aus Leibeskräften!“ Daraufhin ergriff der Mann die Flucht.
„Ein wichtiges Verteidigungsinstrument ist die eigene Stimme“, so Fitnesscoach Andreas Leppertinger, der in seiner Sportschule seit vielen Jahren Selbstverteidigungskurse für Kinder und Jugendliche anbietet und auch die Lernangebote für die Mädchen und Jungen an der Realschule im Rupertiwinkel regelmäßig betreut. Im Unterschied zu den Erwachsenen liege der Schwerpunkt bei Kindern eher in der Selbstbehauptung als in der Selbstverteidigung, so der Trainer. „Es geht in erster Linie darum Selbstbewusstsein zu schaffen und herauszufinden, was man möchte und was nicht.“ Regine wollte von dem jungen Mann nicht angesprochen werden und auch keine Unterhaltung mit ihm. Seine eigenen Grenzen abstecken, aber auch die Grenzen anderer akzeptieren, darauf komme es an, der Krav Maga-Instructor und frühere Kampfsportler.
Ziel sei es auch, den Kindern zu vermitteln, dass sie „Nein“ sagen dürfen. Ein selbstbewusstes Auftreten könne oft schon verhindern, dass man in eine heikle Situation gerate. Wissenschaftliche Studien belegen, dass Kinder, die gelernt haben, sicher und selbstbewusst aufzutreten, kaum belästigt oder gegen ihren Willen festgehalten werden. Anstatt anzugreifen und sich körperlich zu verteidigen, sollten Kinder besser weglaufen, Aufmerksamkeit erregen, laut schreien oder andere Menschen um Hilfe bitten.
Natürlich lernen Kinder im Selbstverteidigungskurs Kampf- und Abwehrtechniken und erhalten dadurch Einblicke in verschiedene Kampfsportarten, aber erst einmal gelte es, die Sinne der jungen Leute dafür zu schärfen, dass sie potenzielle Gefahrensituationen frühzeitig erkennen, so Leppertinger. Aber das Handeln sollte auch immer von einem respektvollen Miteinander getragen sein. Respekt, gegenseitige Wertschätzung und Toleranz stünden an erster Stelle. Geist und Körper würden gleichermaßen gefordert. „Das spielerische Lernen steht im Vordergrund“, weiß er, worauf es ankommt, wenn man Kinder und Jugendliche motivieren will.
J. Vesper

 

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